Armierungsgewebe
Armierungsgewebe – Alkalibeständiges Glasfasergewebe, das in die Armierungsschicht von Putz eingebettet wird, Zugspannungen aufnimmt und so Risse verhindert – Pflicht bei jedem WDVS
Was ist Armierungsgewebe?
Armierungsgewebe (auch Putzgewebe, Glasfasergewebe oder Gewebearmierung) ist ein alkalibeständiges Glasfasernetz, das in eine Schicht Armierungsmörtel eingebettet wird. Es bildet die Armierungsschicht – die entscheidende Bewehrung zwischen Untergrund und Oberputz.
Der physikalische Hintergrund: Putz ist druckfest, aber zugschwach. Beim Trocknen, durch Temperaturwechsel an der Fassade (Sommer: +70 °C auf dunklen Flächen, Winter: −15 °C) und durch Bewegungen des Untergrunds entstehen Zugspannungen, die der Putz allein nicht aufnehmen kann – er reißt. Das Glasfasergewebe übernimmt diese Zugkräfte wie die Stahl-Bewehrung im Beton. Die Alkalibeständigkeit ist dabei Pflicht: Zementhaltige Mörtel sind stark alkalisch und würden unbeschichtetes Glas innerhalb weniger Jahre zersetzen.
Funktion im Überblick
| Eigenschaft | Wirkung |
|---|---|
| Zugfestigkeit (≥ 1.750 N/50 mm neu) | Nimmt Spannungen auf, verhindert Rissbildung |
| Rissüberbrückung | Überbrückt Plattenstöße der Dämmung und Haarrisse im Untergrund |
| Schlagschutz | Erhöht die mechanische Widerstandsfähigkeit der Fassade |
| Lastverteilung | Verteilt punktuelle Spannungen (Dübel, Befestigungen) in die Fläche |
Einsatzbereiche: Wo Armierungsgewebe nötig ist
| Einsatzort | Notwendigkeit | Besonderheit |
|---|---|---|
| PROTECTED_4-Fassade | ✅ Immer Pflicht (zulassungsrelevant) | Systemtreue beachten |
| Sockel-/Spritzwasserbereich | ✅ Pflicht, verstärkt | Panzergewebe als Zusatzlage |
| Mischmauerwerk (Altbau) | ✅ Dringend empfohlen | Unterschiedliches Dehnverhalten der Materialien |
| Risssanierung Altputz | ✅ Standardmethode | Tragfähigkeit vorher prüfen |
| Fenster-/Türecken | ✅ Pflicht (Diagonalarmierung) | 30 × 50 cm Streifen, 45° |
| Materialwechsel im Untergrund | ✅ Empfohlen | Mind. 20 cm beidseitig überlappen |
| Elektroschlitze, Installationsfugen | ✅ Empfohlen | Streifenweise einbetten |
| Homogener Neubau-Innenputz | ❌ Meist unnötig | Nur an kritischen Details |
| Decken (Plattenstöße, Risse) | ⚠️ Bei Bedarf | Leichtes Gewebe, dünn überspachteln |
Abgrenzung: Für [Estrich](/lexikon/estrich-detail) gibt es eigene Estrichgitter aus Stahl bzw. Glasfaser-Estrichbewehrung – Putz-Armierungsgewebe gehört nicht in den Estrich. Bei voll gedämmten Fassaden ist die Armierung Teil des WDVS-Aufbaus, bei monolithischem Mauerwerk wird sie direkt auf den Unterputz gearbeitet.
Typen und Auswahl
| Typ | Gewicht | Maschenweite | Einsatz |
|---|---|---|---|
| Standardgewebe | 145–165 g/m² | 4 × 4 mm | WDVS, Fassadenputz, Risssanierung |
| Verstärktes Gewebe | 200 g/m² | 4 × 4 mm | Erhöhte mechanische Belastung |
| Panzergewebe | 330–360 g/m² | ca. 6 × 6 mm | Sockel, stoßgefährdete Flächen (Zusatzlage) |
| Innengewebe (leicht) | 70–110 g/m² | 2–4 mm | Spachtelarmierung innen, Decken |
| Selbstklebendes Gitterband | — | — | Plattenstöße im Trockenbau (kein Ersatz für Flächenarmierung) |
| Gewebeeckwinkel | mit Gewebeschenkeln | — | Gebäudekanten, Laibungen |
| Anputzleisten mit Gewebe | — | — | Fenster-/Türanschlüsse |
Worauf beim Kauf achten: Alkalibeständigkeit (Beschichtung), Zugfestigkeit nach Alterung (Restfestigkeit ≥ 1.000 N/50 mm), Systemzugehörigkeit beim WDVS. Billiggewebe ohne ausreichende Beschichtung verliert im alkalischen Mörtel binnen Jahren seine Festigkeit – die Risse kommen dann zeitverzögert.
Anleitung außen: Armierung beim WDVS
| Schritt | Ausführung | Kritischer Punkt |
|---|---|---|
| 1. Untergrund prüfen | Dämmplatten eben geschliffen, staubfrei, Dübel versenkt | Schleifstaub abkehren |
| 2. Diagonalarmierung | An jeder Fenster-/Türecke 30 × 50 cm Gewebestreifen diagonal (45°) einbetten | Vor der Flächenarmierung! |
| 3. Eckwinkel & Anputzleisten | Kanten, Laibungen, Anschlüsse mit Gewebewinkeln armieren | Gewebeschenkel in Mörtel betten |
| 4. Armierungsmörtel auftragen | 3–5 mm mit Zahnkelle (10er Zahnung) aufziehen | Nur so viel, wie nass bearbeitbar |
| 5. Gewebe einlegen | Bahn von oben nach unten abrollen, mit Glätter einbetten | Faltenfrei, nicht spannen |
| 6. Überlappung | Mind. 10 cm an allen Stößen | Auch an Eckwinkel-Geweben |
| 7. Überspachteln | Nass in nass, Gesamtdicke je nach System ca. 4–6 mm | Gewebe im oberen Drittel |
| 8. Trocknen lassen | Min. 1 Tag pro mm Schichtdicke vor dem Oberputz | Witterung beachten (5–25 °C) |
Die richtige Gewebelage: oberes Drittel
Das Gewebe gehört nicht auf den Untergrund, sondern in das obere Drittel der Armierungsschicht:
Oberputz
─────────────────────
≈ 1–2 mm Mörtel ← Deckung
━━━━ GEWEBE ━━━━ ← oberes Drittel
≈ 3–4 mm Mörtel
─────────────────────
Dämmung / Untergrund
Begründung: Die Zugspannungen entstehen an der Oberfläche (Temperatur, Schwinden). Liegt das Gewebe zu tief, kann es diese Spannungen nicht aufnehmen. Der klassische Pfusch – Gewebe an die Dämmung tackern und überputzen – ist statisch wertlos und ein Mangel.
Anleitung innen: Risssanierung auf Altputz
- Tragfähigkeit prüfen: Klopfprobe (Hohlstellen?), Kratzprobe, ggf. Haftzugprüfung. Lose Stellen abschlagen und mit PROTECTED_9
- Untergrund vorbereiten: Reinigen, saugende Untergründe mit PROTECTED_10, glatte/dichte mit Haftgrundierung behandeln (PROTECTED_11 nach Untergrund wählen)
- Risse aufweiten: Statische Einzelrisse > 0,2 mm V-förmig öffnen und verfüllen
- Armierungsspachtel auftragen: 3–4 mm vollflächig
- Gewebe einbetten: Leichtes Innengewebe (110–160 g/m²), 10 cm Überlappung
- Überspachteln & glätten: Q2–Q3 je nach gewünschter Oberfläche (PROTECTED_12)
- Endbeschichtung: Nach Durchtrocknung streichen, tapezieren oder dünnlagig verputzen
Hinweis zu dynamischen Rissen: Arbeitet der Riss (Setzung, statische Ursache), hilft auch Gewebe nur begrenzt – erst die Ursache klären, sonst reißt es neben der armierten Zone erneut.
Kritische Stellen im Detail
| Stelle | Maßnahme |
|---|---|
| Fenster-/Türecken | Diagonalstreifen 30 × 50 cm, zusätzlich zur Flächenarmierung |
| Gebäudekanten | Gewebeeckwinkel, Flächengewebe bis an die Kante führen |
| PROTECTED_13/erdberührt | Panzergewebe als 1. Lage (stoßen, nicht überlappen), Standardgewebe als 2. Lage darüber |
| Plattenstöße der Dämmung | Flächenarmierung überbrückt – Stöße dürfen nie mit Gewebestoß zusammenfallen |
| PROTECTED_14-Schürze | Zusätzlicher Gewebestreifen, Übergang entkoppeln |
| Materialwechsel (z. B. Beton/PROTECTED_15) | Gewebestreifen min. 20 cm je Seite |
| Anschluss Fensterbank/Attika | Anputzleisten mit Gewebeschürze, PROTECTED_16 für Bewegungsfugen |
Kosten Richtwerte 2026
| Position | Preis |
|---|---|
| Armierungsgewebe 160 g/m² | 1,50–3,00 €/m² |
| Innengewebe leicht (110 g/m²) | 1,00–2,00 €/m² |
| Panzergewebe 330 g/m² | 4–7 €/m² |
| Gewebeeckwinkel | 1,50–3 €/lfm |
| Armierungsmörtel (4–6 mm) | 5–10 €/m² |
| Komplette Armierungsschicht (Material + Lohn) | 15–25 €/m² |
| Sockelzone mit Panzergewebe | 20–35 €/m² |
Materialmengen für Putz und Spachtel können Sie mit dem PROTECTED_17 überschlagen; die Fassadenfläche liefert der PROTECTED_18.
Die 7 häufigsten Fehler
| Fehler | Folge | Vermeidung |
|---|---|---|
| Gewebe auf Untergrund getackert und überputzt | Armierung wirkungslos, Risse | Immer in frischen Mörtel einbetten |
| Gewebe liegt zu tief (unteres Drittel) | Risse trotz Armierung | Oberes Drittel – erst Mörtel, dann Gewebe, dann Deckschicht |
| Überlappung < 10 cm | Risse an jeder Nahtstelle | 10 cm Mindestüberlappung markieren |
| Diagonalarmierung vergessen | Risse ab Fensterecke (45°-Riss) | An jeder Öffnungsecke 30 × 50 cm diagonal |
| Deckschicht zu dünn | Gewebe zeichnet sich ab | ≥ 1 mm Mörteldeckung, zweite Spachtellage |
| Falten / unter Spannung verlegt | Abzeichnungen, Hohllagen | Bahnen spannungsfrei einlegen |
| Fremdgewebe im WDVS | Zulassung & Gewährleistung weg | Nur Systemkomponenten verwenden (PROTECTED_19 regelt die WDVS-Verarbeitung) |
Meister-Tipp
Abgrenzung zu ähnlichen Produkten
| Produkt | Funktion | Ersetzt Armierungsgewebe? |
|---|---|---|
| Malervlies/Renoviervlies | Kaschiert Haarrisse unter Anstrich/Tapete | ❌ Keine statische Wirkung |
| PROTECTED_20 | Dekorative, robuste Wandbekleidung | ❌ |
| PROTECTED_21 (Ziegelgewebe, Streckmetall) | Putzgrund auf nicht putzfähigen Untergründen | ❌ Anderer Zweck (Haftung statt Zugkraft) |
| Estrichgitter | Bewehrung im Estrich | ❌ Eigenes Produkt |
| Fugendeckstreifen (Trockenbau) | Stöße von Gipsplatten | ❌ Nur Fugenarmierung (Rigips spachteln) |
Tipps vom Profi
- Bahnen vorab zuschneiden und faltenfrei gerollt bereitlegen – eingebettet wird zügig, nass in nass
- Diagonalstreifen zuerst – wer sie nach der Fläche einbauen will, baut sie nie ein
- Sockel doppelt denken: Panzergewebe stoßen (nicht überlappen), Standardgewebe darüber regulär überlappen
- Systemtreue beim WDVS: Gewebe, Kleber, Dübel und Putz aus einem System – bei Mischmontage erlischt die Zulassung
- Witterung außen: 5–25 °C, keine direkte Sonne, frische Armierung vor Regen schützen (Gerüst-Plane)
- Qualität prüfen: Etikett auf Alkalibeständigkeit und g/m² kontrollieren – anonymes Billiggewebe meiden